Plochingen

Familientragödie, Beziehungsdrama oder Killer-Schützin?

Bestimmt das Geschlecht, die Tatwaffe und das Bundesland die Schlagzeilen?

Eine Untersuchung am Beispiel der Bild-Zeitung, dem Focus und dem Stern.

Vor den Augen der Kinder: Fünffache Mutter erschießt Ehemann (23.01.11 Bild.de)
Besonders tragisch: Die Kinder im Alter von sieben Monaten bis zwölf Jahren mussten mit ansehen, wie ihre Mutter den tödlichen Schuss auf ihren Vater abgab, sagte ein Polizeisprecher
Frau erschießt Ehemann vor Augen der fünf Kinder (23.01.11 Focus.de)
Nach ersten Erkenntnissen der Polizei mussten die fünf Kinder des Paares, die zwischen sieben Monate und zwölf Jahre alt sind, die Bluttat mit ansehen

Kein Medium kam am ersten Tag auf den Gedanken, dass es vielleicht einen Streit gegeben haben könnte, die Frau vielleicht ihre Kinder vor dem Vater hat schützen wollen. Es gab nicht den leisesten Zweifel: Die Frau war Täter, der Mann war Opfer, das Tatmittel eine Waffe.

Ich hatte jedoch am 23. Januar Zweifel. Als Mutter kann ich mir nicht vorstellen, vor den Augen meiner Kinder irgendjemanden Gewalt an zu tun. Ich kann mir jedoch sehr gut vorstellen, meine Jungen - wie eine Tigerin - gegen jeden und auch mit allen Mitteln zu schützen. Eine Schusswaffe besitzt ein außerordentliches Drohpotential. Jeder vernünftige Mensch hört mit seinem Tun auf, wenn eine Schusswaffe auf ihn gerichtet ist, insbesondere wenn sie geladen ist. Sicherlich auch der gewalttätige Ehemann. Das waren meine Gedanken, als ich die Nachricht las.

Warum glaubte der Vater, dass die Frau ihre Drohung der Schussabgabe nicht wahr machen würde? Weil sich die Kinder im Raum befanden? Weil sich die Frau noch nie gewehrt hatte?

Diese Zweifel waren berechtigt. Die Pressemitteilung der Polizei Esslingen vom 24.01.11 hatte eine ganz andere Schlagzeile als Focus und Bild:

Streit zwischen Vater und Söhnen ging Familiendrama in Plochingen voraus
Ein Streit zwischen dem Vater und den Söhnen ging dem Familiendrama am Sonntagvormittag in einem Einfamilienhaus im Grieshaberweg in Plochingen voraus.  Die 41-jährige Frau erschoss vermutlich aus Angst um ihre Kinder ihren 47-jährigen Ehemann.
http://org.polizei-bwl.de/PDEsslingen/Presse/Pressemitteilungen/20110124_1.pdf

Naiv ging ich davon aus, dass diese Pressemitteilung in den nächsten Zeitungsmeldungen das Bild der Mutter anders darstellen würde. Doch wurde ich nur beim Stuttgart-Journal fündig:

Aus Angst um die Kinder: Familiendrama von Plochingen: Vater bedrohte 2-jähriges Kind
Familiendrama von Plochingen: Vater bedrohte 2-Jähriges - Ein Streit zwischen dem Vater und den Söhnen ging dem
Familiendrama am Sonntagvormittag in einem Einfamilienhaus im Grieshaberweg in Plochingen voraus.
Die 41-jährige Frau erschoss vermutlich aus Angst um ihre Kinder ihren 47-jährigen Ehemann.
http://www.stuttgart-journal.de/tp2/pool/news/sj/2011/01/24/a/familiendrama-von-plochingen-vater-bedrohte-2-jaehriges-kind/


 

Die anderen Blätter blieben nicht nur bei ihrem ersten Negativbild, sondern weideten es noch aus:
Familiendrama: Todesschützin kommt in U-Haft (24.01.11 Focus.de)
Nach den tödlichen Schüssen auf ihren Ehemann in Plochingen in Baden-Württemberg kommt die Todesschützin in Untersuchungshaft. Die fünf Kinder, die bei der Tat dabei waren, werden von der Seelsorge betreut
Familiendrama in Plochingen: Todesschüsse im Wohnzimmer (25.01.11 Spiegel.de)
Wollte Sabine W. nur ihre Kinder schützen? …Das Aktionsbündnis fordert seit dem Amoklauf in Winnenden und Wendlingen, dass großkalibrige Schusswaffen sowie Faustfeuerwaffen verboten und Sportschützen ihre Waffen nicht zu Hause aufbewahren dürfen. Doch hätte ein solches Verbot die Tat von Plochingen verhindern können?
Killer-Ehefrau: Schießtraining im Polizei-Verein ( 26.01.11 bild.de)
Die dunkelhaarige Frau feuerte mehrfach auf ihren Mann. Kein einziger Schuss ging daneben. Wo lernte sie nur, so tödlich zu treffen? Das Aktionsbündnis Winnenden fordert seit dem Amoklauf (März 2009), dass Waffenbesitzkarten nur noch für aktive Schützen ausgestellt und verlängert werden.

Was zeigen uns die Schlagzeilen: Killer-Schützin, Todesschützin, Todesschüsse?
Lörrach und Plochingen sind nicht die ersten Fälle seit Winnenden, bei denen Menschen durch Schusswaffen den Tod gefunden haben. Aber in beiden Fällen waren die „schwachen“ Frauen die Ausführenden. In beiden Fällen begann das Geschrei nach neuen Waffenverboten.
Warum?
Weil die anderen Schusswaffentäter Männer waren?
Weil die anderen Schusswaffen illegal waren?
Weil bei Schusswaffenmorde in Baden-Württemberg sofort Herr Schober vom Aktionsbündnis Winnenden seine „Hilfe“ anbietet?

Wo ist der Zusammenhang zu Winnenden? Wo ist der Zusammenhang zu Lörrach?
In einigen baden-württembergischen Zeitungen wurde sofort ein Zusammenhang dieser Tat mit Lörrach und Winnenden dargestellt. Doch Lörrach war ein sogenannter „erweiterter Suizid“. Diese Bezeichnung benutzen die Medien, wenn ein Täter seine Familie und sich selbst auslöscht. Winnenden war ebenfalls ein „erweiterter Suizid“, der jedoch nicht Familienangehörige, sondern fremde Personen mit einschloss. Dies bezeichnen die Medien als „Amoklauf“. Obwohl per Definition ein Amoklauf eine ungeplante Berserkertat im Affekt ist, während Winnenden und Erfurt und auch die Morde in Finnland zum Teil bis zu sechs Jahren im Voraus geplant waren. Die Tat in Plochingen hat keinen Suizid der Frau ausgelöst. Sie hat ihre Kinder, direkt nach der Tat, in die beste denkbare Obhut gebracht, bevor sie sich der Polizei stellte: zu ihren Eltern.

Warum haben die anderen Todesschützen von 2010 keine mediale Aufmerksamkeit erlangt?
Wir bleiben bei Bild, Focus und Spiegel und dem Zeitraum 2010/11, ansonsten würden hier die Meldungen einfach den Raum sprengen:

Sinsheim: Familiendrama mit drei Toten (26.02.2010 Focus.de)
Im baden-württembergischen Sinsheim sind bei einem Familiendrama drei Menschen getötet worden. Ein 48-jähriger Mann hat offenbar zuerst seine Frau und seinen Sohn erschossen und sich dann anschließend selbst getötet.
Familien-Drama in Sinsheim: Familienvater erschießt Frau, Sohn und sich selbst (26.02.2010 Bild.de)
„Alles deutet auf eine schreckliche Familientragödie hin“, sagte ein Polizeisprecher. Eine Nachbarin: „Er war aktiv im Schützenverein, hatte mehrere Waffen zu Hause, darunter eine Pistole.“
Sinsheim: Vater erschießt seine Familie und sich (26.02.2010 Spiegel.de)
"Alles deutet auf eine schreckliche Familientragödie hin", sagte ein Polizeisprecher. Demnach erschoss der 48-jährige Familienvater seine ein Jahr jüngere Frau, den 23-jährigen Sohn und den Hund.
Bayern: Vier Tote bei Familientragödie (23.03.2010 Focus.de)
Bei einer Familientragödie im Landkreis Fürstenfeldbruck in Bayern hat ein Elternpaar offenbar erst seine beiden Kinder und anschließend sich selbst ermordet
Bayern: Vater tötet Sohn und sich selbst (03.04.2010 Focus.de)
Ein Vater hat in der Nacht zum Ostersamstag seinen fünfjährigen Sohn und sich selbst erschossen. Die Mutter überlebte schwer verletzt
Familiendrama in Freising: Vater erschießt Sohn und sich selbst (03.04.2010 Spiegel.de)
Ein Vater hat seinen fünfjährigen Sohn und sich selbst erschossen. Die Mutter überlebte schwerverletzt, ein zweijähriger Junge blieb unversehrt. Über das Motiv ist noch nichts bekannt.
Familiendrama in Bayern: Mann soll Frau und Kinder getötet haben 01.06.2010 Spiegel.de)
Himmelstadt/Würzburg - Grausames Ende einer jungen Familie aus dem fränkischen Himmelstadt: Ein 39-jähriger Mann aus dem fränkischen Himmelstadt hat offenbar seine Frau und seine beiden Söhne getötet. Anschließend nahm sich der Familienvater nach derzeitigen Erkenntnissen selbst das Leben.
Bayern: Vier Tote bei Familientragödie (02.06.2010 Focus.de)
In Bayern hat ein Mann seine Familie und anschließend sich selbst getötet. Der Familienvater erschoss erst seine Frau, bevor er mit seinen Söhnen nach Eger in Tschechien fuhr, wo er die beiden Kinder erschoss und sich anschließend selbst tötete  … mit einer Kleinkaliber-Pistole.
Ehedrama in Bayern Frau erschossen – gesuchter Mann tot (23.07.2010 Bild.de)
„Der Mann hat seine Frau mit drei Schüssen getötet. Mit einem Revolver Kaliber 357 Magnum. Bei beiden handelt es sich um deutsche Staatsbürger.“  Vor drei Monaten hatte ihn die Frau wegen Vergewaltigung angezeigt.
Beziehungsdrama: Zwei Frauen in Oberhausen erschossen (13.08.2010 Spiegel.de)
Beziehungsdrama in Oberhausen: Innerhalb weniger Stunden hat die Polizei zwei erschossene Frauen entdeckt, die eine Beziehung miteinander gehabt haben sollen. Offenbar wurden sie vom Ehemann eines Opfers aus Eifersucht getötet.
Familien-Tragödie von Rosenheim Hätte der Mord verhindert werden können? (01.09.2010 Bild.de)
Der bestialische Mord von Rosenheim erschüttert ganz Deutschland. Franz Müller (48) soll seine Frau Lacramioara (37) erschlagen und seinen Sohn Marcus (3) erhängt haben. …
„Er hat sie ständig verprügelt, kam ins Gefängnis. Die Zeit hat sie genutzt, um sich scheiden zu lassen. Aber Anfang des Jahres kam er frei.“ Danach habe er sie verfolgt wie ein Stalker, berichten Freunde.
Advents-Tragödie in Garbsen: Kopfschuss! Rentner (83) tötet Ehefrau (06.12.2010 Bild.de)
„Ich habe etwas Schlimmes gemacht. Ich habe meine Frau erschossen“, stammelt der 83-Jährige.

Was fällt uns auf?
Die einzige Meldung, die es in allen drei Medien als Familientragödie „geschafft“ hat, ist die Meldung aus Sinnsheim.  Alle Täter waren Männer. Z.T. wurden legale Schusswaffen benutzt, z.T. war die Herkunft zur Zeit der Meldung nicht bekannt. Keine der Meldungen wurden von Waffenverboten verfolgt, obwohl Sinnsheim in Baden-Württemberg liegt.

Warum haben die anderen Todesschützen keine Waffenverbotsforderungen ausgelöst?
Waffenverbote wurden nur nach Winnenden (Amoklauf in Baden-Württemberg), Lörrach („erweiterter Suizid“ mit Fremdverbrechen in Baden-Württemberg) und Plochingen („häusliche Gewalt“ in Baden-Württemberg) in den Medien eingefordert. Sinsheim erforderte drei Tote, somit zwei mehr als Plochingen oder einen weniger als Lörrach. Doch Sinsheim war ein Beziehungsdrama, kein Amoklauf und auch kein Mord. So beschreiben es die Medien.

Doch was denke ich? In Sinsheim und in den anderen oben erwähnten Orten hat sich ein Mann angemaßt, über das Leben seiner Familie zu bestimmen. Wir – in Deutschland – regen uns über Ehrenmorde auf, doch tolerieren wir anscheinend dieselben, sofern ein Familienvater seine komplette Familie, manchmal nebst Schwägerin und Freundin, auslöscht.  Natürlich hat diese Toleranz ein Ende, sofern eine Familienmutter die Auslöschung der Familie bestimmt (Lörrach) oder den Ehemann erschießt (Plochingen).


 

Warum sind Tötungen von Männern Beziehungsdramen oder Familientragödien, während bei Tötungen von Frauenhand Killer- und Todesschützinnen am Werk waren?
Die meisten Medien arbeiten mit Freelancern. D.h. die Journalisten sind nicht fest angestellt, sondern bekommen ihr Einkommen über gekaufte Artikel. „Sex sells“ und Mord verkauft sich ebenfalls gut. Schlagzeilen, die interessant sind, werden eher eingekauft als neutral wissenschaftliche Artikel. Frauen töten seltener als Männer. Daher lässt sich ein Artikel über eine Täterin immer besser verkaufen.

Meine Google-Suche ergab diese Woche folgende Treffer:

"Mord an Ehemann" : 125.000
„Prozess um Mord an Ehemann":  3.210 -  Prozess "Mord an Lebensgefährten":        7

"Mord an Ehefrau" :             481
"Prozess um Mord an Ehefrau"   :12.700 -  Prozess "Mord an Lebensgefährtin":  1.170

Familiendrama :         1.150.000
Familiendrama Täter :    30.000   -  Familiendrama Täterin : 13.200

Familientragödie :         134.000
Familientragödie Täter : 27.200  -  Familientragödie Täterin:     233

Welche Schlussfolgerungen könnten diese Recherchen implizieren?

Ohne wissenschaftlich an die Problematik heranzugehen, drängt sich der folgende Verdacht auf:

-          Frauen morden seltener

-          Mordende Frauen haben einen hohen medialen Wert

-          Morde an Ehefrauen sind keine Schlagzeile wert

-          Morde an Ehefrauen werden hinter den Wörtern Familientragödie und Familiendrama versteckt

Beim Googeln nach Sinsheim (Opfer: Ehefrau und Sohn) kamen ca. 500 Treffer, bei Oberhausen (Opfer: Ehefrau und deren lesbische Freundin) kamen 600 Treffer, bei Himmelstadt (Opfer: Ehefrau, Sohn und Tochter) kamen 700 Treffer. Bei Plochingen waren es heute 4500. Die Nachricht, dass eine Polizistin im Juni 2010 ihre beiden Kinder erdrosselt und sich anschließend erhängt hatte, kommt auf 9000 Treffer, Lörrach auf über 13.000.

Beim Mord gibt es einen schuldigen Täter. Bei Dramen und Tragödien gibt es mehrere Akteure.
Allein durch die Wortwahl werden Gewaltdelikte im „sozialen Nahbereich“ verharmlost.
Diese Ansicht vertritt auch Regula Bähler, Rechtsanwältin in Zürich und Dozentin für Gerichts-berichterstattung am Medienausbildungszentrum MAZ Luzern, in ihrem am 27.01.11 erschienenen lesenswerten Artikel: «Beziehungsdramen» – ein Blick hinter die Schlagzeilen:
http://www.medienheft.ch/uploads/media/2011_BaehlerRegula_01.pdf

Seitdem ich 1992 von der Zeitschrift EMMA auf diese Diskrepanz in der Berichterstattung aufmerksam geworden bin, denke ich immer an Mord, wenn ich das Wort Familiendrama lese. Allein schon dieser –  automatische – Gedanke lässt jeden Artikel in einem anderen Licht erscheinen.

Katja Triebel – Januar 2011


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